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Unser Schulsystem aus der Sicht einer 12.-Klässlerin in Bayern

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Ein Beitrag einer Teilnehmerin aus einem meiner Seminare an Schulen. Vielen Dank an Pia, die sich die Zeit und das Herz genommen hat, um ihre Stimme hier zu teilen.

Unser Schulsystem

Mein 12. Schuljahr. Vielleicht mein letztes, vielleicht auch nicht. 

Das Abitur öffnet mir mehr Türen, sagen Sie. Aber stimmt das überhaupt? Was ist mit den ganzen Kritikern und den Statistiken, dass heute sowieso fast die Hälfte aller Schüler in Deutschland Abitur machen und es gar nicht mehr so viel wert ist wie früher…lohnt es sich überhaupt? Alles Fragen, die mir als Schüler durch den Kopf gehen.

Eine Frage, die mich aber oft beschäftigt ist, was ich bis jetzt gelernt habe in diesen 11 ½ Jahren und mein erster Gedanke ist immer „irgendwie nicht viel“. Und ich weiß, so geht es nicht nur mir.

„Bulimie-Lernen“. Auf diesen Begriff bin ich mal gestoßen und so absurd er auch klingt, er bringt das Ganze ziemlich gut auf den Punkt.

Man lernt so viel wie möglich in kürzester Zeit, um es dann an einem bestimmten Zeitpunkt wiederzugeben und es dann wieder zu löschen, damit Platz für Neues ist. Ist doch klar, dass sich das Ganze dann unnötig anfühlt. 

Was ist mit mir?

Aber auch Themen, die mich interessieren, die wir in der Schule behandeln und die mir schon deutlich einfach fallen zu lernen, sind schwer zu behalten, da man sich nicht ausführlich genug mit ihnen beschäftigen kann. Das Problem: Zu viel in zu kurzer Zeit.

Belohnt wird man dann mit „Zahlen“, die irgendetwas über das Können aussagen sollen. Eigentlich „belohnen“ sie aber nur schnelles Auswendiglernen, Umgehen können mit Prüfungsstress und ein weiterer großer Aspekt: Talent.

Hat ein/e Schüler/in beispielsweise einfach ein Talent in Sport und betreibt dies auch privat ist es für sie/ihn keine große Anstrengung eine Eins zu bekommen. Ist man jedoch eine eher unsportliche Person und vielleicht auch noch übergewichtig, kann man höchstens auf eine 4+ hoffen wegen gutem Willen. Wie ungerecht ist die Benotung also in Sport, Musik, Kunst &Co?

Aber auch Mathe. Es gibt nun mal Menschen, die ein Talent für dieses Fach haben und welche, die keines haben.

Wieso müssen dann alle bis zum Schluss sich mit diesem Fach teilweise quälen, obwohl mindestens die Hälfte der Schüler/innen in der Oberstufe schon weiß, dass sie dieses Wissen niemals mehr brauchen werden. Nützliches Grundwissen kann man dies nämlich längst nicht mehr nennen.

Das ist eine der vielen Fragen, die ich mir stelle, da mir meine Unterrichtszeiten in Mathe als gestohlene Lebenszeit vorkommen und ich viel lieber eine Stärke von mir fördern würde, als mich mit einer Schwäche herumzuschlagen.

Was sonst noch stört

Ein weiterer Aspekt, den ich alles andere als optimal finde, sind die generellen Unterrichtszeiten.

Es ist wissenschaftlich bewiesen, dass sich der Schlafrhythmus Jugendlicher in der Pubertät verschiebt und unsere biologische Uhr somit anders tickt.

Trotzdem sitzen alle um viertel vor acht im Unterricht und sind geistlich eigentlich noch gar nicht anwesend, geschweige denn leistungsfähig.

Also sitze ich bei biologischer Nacht in Mathe, frage mich nach dem Sinn des Ganzen und fühle mich auch noch dumm, weil ich nur Bahnhof verstehe. 

Dass so ein Konzept von Schule nicht glücklich machen kann ist eigentlich doch so logisch. Und dass Schlafmangel und Stress ungesund für unseren Körper ist und unter anderem auch Depressionen verursachen kann ist auch altbekannt. Trotzdem braucht es zig Suizide von Jugendlichen durch Depressionen, damit die Menschen anfangen über die Probleme zu reden. Ändern tut sich aber trotzdem nichts. 

Die durchschnittliche Konzentrationsfähigkeit eines Erwachsenen liegt bei ca. 18min. Und sie ist ein Reifungsprozess. Das heißt, dass sie sich auch individuell entwickelt und unterschiedlich ausgeprägt ist im jugendlichen Alter. Wer hat also 45min. Unterrichtszeit festgelegt oder sogar teilweise 90 min. mit nicht mal einer 5min. Pause dazwischen?

Diese ganzen Dinge wurden irgendwann einmal festgelegt und das ist auch völlig okay, aber wissen wir es heute nicht viel besser? Ist nicht eigentlich schon längst klar, was verändert werden muss, damit Schüler/innen endlich gerne zur Schule gehen, weil sie sich auf die Dinge freuen, die Sie dort lernen können?

Nach 150 Jahren ist dann auch mal gut

Ein System, das schon 150 Jahre alt ist,  soll mich auf eine völlig neue Welt, die in Zukunft neue Umstände und v. a. auch Berufe bringt, und auf das (Berufs)-Leben vorbereiten?

Ich kann sagen, dass ich mich unvorbereitet fühle, meine Schullaufbahn mich alles andere als glücklich gemacht hat und ich mir sehnlichst wünsche, dass meine Kinder einmal in eine bessere Schule gehen können, in der sie ihre Stärken finden, gefördert werden und sich mit den Dingen beschäftigen dürfen, die sie wirklich interessieren und die sie können wollen. Denn Motivation, also der Wille, ist doch das, was uns antreibt zu lernen und zu arbeiten, jedoch auch genau das, was uns genommen wird durch beispielsweise den Druck, der uns stattdessen als Schüler gemacht wird…

Inwiefern ist unser heutiges System also gerecht angepasst? Sind die Inhalte brauchbar und vor allem ist es sinnvoll, diese ganzen Inhalte jedem beizubringen?

Ich stelle mir Schulen vor, die ohne ein Notensystem funktionieren und mit kompetenten Lehrern stärke-orientiert und nicht schwäche-orientiert lehren.

Niemand sollte sich schlecht fühlen müssen, weil er etwas lernen muss, dass ihm gar nicht liegt und Niemand sollte mehr am Ende seiner Schullaufbahn planlos in die Welt geschickt werden.

Ich hoffe und ich weiß (denn ich schreibe im Prinzip nichts Neues) , dass meine Meinung geteilt wird und wir gemeinsam schaffen können, diese Revolution einzuleiten.

Pia

 

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